21. Mai 2026

Wenn Wissen billig wird, steigt der Wert von Urteilskraft

Wenn Wissen billig wird, steigt der Wert von Urteilskraft. Warum KI menschliche Entscheidungsreife wichtiger macht, nicht überflüssig. Scott Galloway hat am OMR Festival 2026 in Hamburg festgestellt: Die KI-Euphorie stösst erstmals an gesellschaftliche Grenzen, nicht an technologische. KI liefert Antworten. Verantwortung kann sie nicht tragen. Wer heute in Führung steht, muss weniger wissen als das System und trotzdem mehr entscheiden als je zuvor.

Warum KI menschliche Entscheidungsreife wichtiger macht, nicht überflüssig.

Der US-amerikanische Marketingprofessor Scott Galloway hat in seiner Eröffnungskeynote am OMR Festival 2026 in Hamburg eine Beobachtung gemacht, die weit über Technologie hinausgeht. Die KI-Euphorie stösst zum ersten Mal an gesellschaftliche Grenzen, nicht an technologische. Weniger als zehn Prozent der jungen Menschen blicken laut Galloway noch optimistisch auf KI. Sein Befund zur eigentlichen Wertschöpfung lautet: «KI wird kurzfristig überschätzt. Der Wert entsteht nicht in der Infrastruktur, sondern in ihrer Anwendung.

Das ist keine Aussage über Technik. Das ist eine Aussage über Führung.

Wissen ist kein Engpass mehr. Urteilskraft schon.

Über Jahrzehnte galt eine einfache Logik. Wer mehr weiss, entscheidet besser. Wer schneller informiert ist, hat den Vorsprung. Wissen war knapp, also war Wissen wertvoll.

Diese Logik trägt nicht mehr.

Wissen ist heute das Material, aus dem jede Maschine schöpft. Was knapp wird, ist etwas anderes. Die Fähigkeit, in einer Flut von Antworten die richtige Frage zu stellen. Die Fähigkeit, Optionen zu wägen, ohne sich in ihnen zu verlieren. Die Fähigkeit, eine Entscheidung zu treffen, die nicht nur logisch ist, sondern verantwortbar.

Urteilskraft.

Was ist Urteilskraft im Führungskontext?

Urteilskraft ist die Fähigkeit, in komplexen, unsicheren Lagen eine Entscheidung zu treffen, die sich verantworten lässt. Sie entsteht nicht durch mehr Daten. Sie entsteht durch Erfahrung, Reflexion und das Aushalten von Unsicherheit. Sie entsteht dort, wo jemand bereit ist, für eine Konsequenz einzustehen.

Genau hier zeigt sich, was KI nicht leistet. KI liefert Antworten. Verantwortung kann sie nicht tragen.

Was KI in der Führung leistet und was nicht.

Was KI leistet.

KI analysiert Datenmengen, die kein Mensch mehr überblickt. Sie generiert Szenarien, vergleicht Optionen, formuliert Empfehlungen. Im Strategieprozess wird sie unverzichtbar.

Was KI nicht leistet.

KI entscheidet nicht. Sie bezieht keine gelebte Position. Sie steht nicht ein für Konsequenzen. Sie kann nicht beurteilen, was in einem konkreten Unternehmen, in einem konkreten Team, in einer konkreten Situation tragfähig ist. Diese Beurteilung bleibt bei den Menschen.

Warum mehr Optionen das Entscheiden schwerer machen.

Eine Führungskraft, die sich auf Analysen verlässt, ohne selbst zu entscheiden, delegiert nicht. Sie weicht aus. Eine Organisation, die jede Frage mit Daten beantwortet, ohne ein gemeinsames Verständnis von Bedeutung, verliert ihre Orientierung. Ein Team, das alles diskutieren kann, aber nichts entscheidet, verbraucht sich selbst.

Je mehr Optionen auf dem Tisch liegen, desto schwerer fällt die Entscheidung. Nicht weil die Grundlage fehlt. Sondern weil die Bereitschaft fehlt, sich festzulegen.

Was Galloways Beobachtung für Führung in Schweizer KMU bedeutet.

Je leistungsfähiger Technologie wird, desto deutlicher tritt hervor, wofür Menschen gebraucht werden. Nicht für die Antwort. Sondern für die Entscheidung. Nicht für die Berechnung. Sondern für die Haltung. Nicht für das Tempo. Sondern für die Reife.

Das ist eine gute Nachricht für Führung. Und eine anspruchsvolle.

Denn Urteilskraft lässt sich nicht installieren. Sie lässt sich nicht einkaufen. Sie lässt sich nicht in einem Workshop herstellen. Sie wächst, wenn Menschen lernen, in komplexen Lagen zu entscheiden, statt sie zu vermeiden. Wenn Führung eine Position bezieht, statt eine Auswertung abzuwarten. Wenn eine Organisation Räume schafft, in denen Entscheidungen reifen dürfen, statt nur effizient produziert zu werden.

Die neue Führungsaufgabe im KI-Zeitalter.

Wer heute in Führung steht, hat eine ungewohnte Aufgabe. Weniger zu wissen als das System und trotzdem mehr zu entscheiden als je zuvor.

Häufige Fragen zu Urteilskraft und KI in der Führung

Ersetzt KI die menschliche Entscheidung?

Nein. KI liefert Empfehlungen, Analysen und Szenarien. Die Entscheidung bleibt beim Menschen, weil nur ein Mensch Verantwortung tragen kann.

Was unterscheidet Urteilskraft von Wissen?

Wissen ist Material. Urteilskraft ist die Fähigkeit, aus diesem Material eine tragfähige Entscheidung zu formen. Wissen lässt sich speichern. Urteilskraft entsteht in der Erfahrung.

Wie entwickelt eine Organisation Urteilskraft?

Indem sie Räume schafft, in denen Entscheidungen reifen dürfen, statt nur effizient produziert zu werden. Indem Führung Position bezieht. Indem Fehler zugelassen werden, damit Lernen möglich bleibt.

Welche Rolle spielt KI im Strategieprozess?

Eine unterstützende. KI strukturiert Komplexität und macht Optionen sichtbar. Welche Option gewählt wird, ist eine Frage der Haltung, nicht der Berechnung.

Quellen

  • Horizont, 5. Mai 2026: «OMR Festival: Die 9 Vorhersagen von Scott Galloway für 2026
  • agorum Blog, 7. Mai 2026: «OMR 2026 Erkenntnisse: 7 unbequeme Wahrheiten»
  • Wirtschaftsforum, Mai 2026: «Zwischen KI-Boom und Realität: Scott Galloways treffsichere Prognosen für 2026
  • European Business, Mai 2026: «Scott Galloway at OMR 2026: Sharp Predictions and Straight Talk

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