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Der US-amerikanische Marketingprofessor Scott Galloway hat in seiner Eröffnungskeynote am OMR Festival 2026 in Hamburg eine Beobachtung gemacht, die weit über Technologie hinausgeht. Die KI-Euphorie stösst zum ersten Mal an gesellschaftliche Grenzen, nicht an technologische. Weniger als zehn Prozent der jungen Menschen blicken laut Galloway noch optimistisch auf KI. Sein Befund zur eigentlichen Wertschöpfung lautet: «KI wird kurzfristig überschätzt. Der Wert entsteht nicht in der Infrastruktur, sondern in ihrer Anwendung.
Das ist keine Aussage über Technik. Das ist eine Aussage über Führung.
Über Jahrzehnte galt eine einfache Logik. Wer mehr weiss, entscheidet besser. Wer schneller informiert ist, hat den Vorsprung. Wissen war knapp, also war Wissen wertvoll.
Diese Logik trägt nicht mehr.
Wissen ist heute das Material, aus dem jede Maschine schöpft. Was knapp wird, ist etwas anderes. Die Fähigkeit, in einer Flut von Antworten die richtige Frage zu stellen. Die Fähigkeit, Optionen zu wägen, ohne sich in ihnen zu verlieren. Die Fähigkeit, eine Entscheidung zu treffen, die nicht nur logisch ist, sondern verantwortbar.
Urteilskraft.
Urteilskraft ist die Fähigkeit, in komplexen, unsicheren Lagen eine Entscheidung zu treffen, die sich verantworten lässt. Sie entsteht nicht durch mehr Daten. Sie entsteht durch Erfahrung, Reflexion und das Aushalten von Unsicherheit. Sie entsteht dort, wo jemand bereit ist, für eine Konsequenz einzustehen.
Genau hier zeigt sich, was KI nicht leistet. KI liefert Antworten. Verantwortung kann sie nicht tragen.
KI analysiert Datenmengen, die kein Mensch mehr überblickt. Sie generiert Szenarien, vergleicht Optionen, formuliert Empfehlungen. Im Strategieprozess wird sie unverzichtbar.
KI entscheidet nicht. Sie bezieht keine gelebte Position. Sie steht nicht ein für Konsequenzen. Sie kann nicht beurteilen, was in einem konkreten Unternehmen, in einem konkreten Team, in einer konkreten Situation tragfähig ist. Diese Beurteilung bleibt bei den Menschen.
Eine Führungskraft, die sich auf Analysen verlässt, ohne selbst zu entscheiden, delegiert nicht. Sie weicht aus. Eine Organisation, die jede Frage mit Daten beantwortet, ohne ein gemeinsames Verständnis von Bedeutung, verliert ihre Orientierung. Ein Team, das alles diskutieren kann, aber nichts entscheidet, verbraucht sich selbst.
Je mehr Optionen auf dem Tisch liegen, desto schwerer fällt die Entscheidung. Nicht weil die Grundlage fehlt. Sondern weil die Bereitschaft fehlt, sich festzulegen.
Je leistungsfähiger Technologie wird, desto deutlicher tritt hervor, wofür Menschen gebraucht werden. Nicht für die Antwort. Sondern für die Entscheidung. Nicht für die Berechnung. Sondern für die Haltung. Nicht für das Tempo. Sondern für die Reife.
Das ist eine gute Nachricht für Führung. Und eine anspruchsvolle.
Denn Urteilskraft lässt sich nicht installieren. Sie lässt sich nicht einkaufen. Sie lässt sich nicht in einem Workshop herstellen. Sie wächst, wenn Menschen lernen, in komplexen Lagen zu entscheiden, statt sie zu vermeiden. Wenn Führung eine Position bezieht, statt eine Auswertung abzuwarten. Wenn eine Organisation Räume schafft, in denen Entscheidungen reifen dürfen, statt nur effizient produziert zu werden.
Wer heute in Führung steht, hat eine ungewohnte Aufgabe. Weniger zu wissen als das System und trotzdem mehr zu entscheiden als je zuvor.
Nein. KI liefert Empfehlungen, Analysen und Szenarien. Die Entscheidung bleibt beim Menschen, weil nur ein Mensch Verantwortung tragen kann.
Wissen ist Material. Urteilskraft ist die Fähigkeit, aus diesem Material eine tragfähige Entscheidung zu formen. Wissen lässt sich speichern. Urteilskraft entsteht in der Erfahrung.
Indem sie Räume schafft, in denen Entscheidungen reifen dürfen, statt nur effizient produziert zu werden. Indem Führung Position bezieht. Indem Fehler zugelassen werden, damit Lernen möglich bleibt.
Eine unterstützende. KI strukturiert Komplexität und macht Optionen sichtbar. Welche Option gewählt wird, ist eine Frage der Haltung, nicht der Berechnung.
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