KI macht Wissen für alle verfügbar. Das Urteil bleibt beim Menschen. Genau dort entsteht das neue Risiko.
Das Problem heisst ausgelagertes Urteil. KI liefert Antworten und Entscheidungsvorlagen schneller, als eine Organisation urteilen kann. Was plausibel klingt, wird übernommen, bevor jemand geprüft hat, ob es trägt.
Drei Entwicklungen verstärken sich gegenseitig:
Es ist ein Führungsproblem, das mit der Technologie kommt.
74 % der Unternehmen zeigen noch keinen greifbaren Nutzen aus KI. Rund 70 % der Hürden liegen bei Menschen und Prozessen. Erst ein Drittel der Schweizer KMU hat klare Regeln, welche Daten in KI-Werkzeuge eingegeben werden dürfen.
Urteilskraft ist die Fähigkeit, aus eigener Einsicht zu einem Entscheid zu kommen, statt Vorgaben, Modelle oder Maschinenantworten zu übernehmen. Sie zeigt sich dort, wo es keine eindeutige Antwort gibt. Sie wächst an Erfahrung, an Wissen allein wächst sie nicht.
Wissen ist überall. Urteil ist selten. Der Gedanke hat eine lange Linie: Aristoteles nannte die praktische Klugheit phronesis, Kant widmete der Urteilskraft 1790 eine eigene Schrift. Gemeinsam ist dieser Linie: Urteilskraft lässt sich üben, aber nicht lehren.
Entscheidungsfähigkeit ist enger. Sie meint, überhaupt zu einem Entschluss zu kommen. Urteilskraft geht ihr voraus und bestimmt, ob der Entschluss trägt.
Genau der Raum, in dem Urteilskraft geübt wird, wird kleiner. Zwischen den Abschlussjahrgängen 2022 und 2024 hat sich die Erwerbslosigkeit von Wirtschaftsabsolventen mit Universitätsmaster ein Jahr nach dem Abschluss von 3,5 auf 8,5 Prozent mehr als verdoppelt. Der meistgenannte Grund: fehlende Berufserfahrung. Der Titel belegt Wissen. Was er nicht belegt, ist Urteil. Das RKW-Kompetenzzentrum bringt es auf den Punkt: Knapp wird nicht Wissen, knapp wird Urteilskraft.
Für Führung heisst das: weniger die besten Antworten geben, mehr die Bedingungen schaffen, unter denen gute Urteile entstehen. Räume, in denen geübt werden darf. Fehler, die zugelassen werden. Führung, die Verantwortung sichtbar macht, statt sie zu verteilen.
KI macht Organisationen nicht entscheidungsfähiger. Sie macht sichtbar, ob sie es waren.
Wo schon vorher unklar war, wer entscheidet, wird es mit KI schneller unklar. Wo Entscheidungen vorher nicht getragen wurden, bleiben sie jetzt schneller liegen. KI demokratisiert Wissen. Das Entscheiden demokratisiert sie nicht.
Im Verwaltungsrat wiegt das besonders schwer. Das Schweizer Recht schützt über die Business Judgment Rule den sorgfältig zustande gekommenen Entscheid. Eine KI-Empfehlung ersetzt diesen Weg nicht. Sie macht ihn erst recht nötig.
Im Zentrum steht die Frage, die vor jedem Werkzeug kommt: Wer urteilt, wer entscheidet und wer trägt es danach, wenn die Maschine die Vorlage liefert?
Hier beginnt KI-Governance. Eine KI-Richtlinie regelt Werkzeuge und Daten. Human in the Loop heisst im Alltag: Ein Mensch prüft, urteilt und steht dafür ein. KI-Kompetenz von Führungskräften heisst darum zuerst Urteilskraft.
Die Begleitung klärt diese Linie für Geschäftsleitung und Verwaltungsrat. Und sie sorgt dafür, dass Urteilskraft in der Organisation wächst, statt zu verkümmern. Werkzeugauswahl, Prompting und IT-Einführung gehören zu spezialisierten Partnern. Mein Feld ist die Organisation und ihre Führung.
In drei bis sechs Arbeitssitzungen mit Geschäftsleitung oder Verwaltungsrat, als Mandat oder als Workshoptag, optional mit laufendem Sparring. Am Schluss ist klar, wo KI vorbereitet, wo Menschen urteilen und wer verantwortet.
KI ist neu. Die Frage, wie Führung mit unsicheren Werkzeugen umgeht, ist alt. Ich begleite Entscheidungen unter Unsicherheit seit 25 Jahren. Das Werkzeug ändert sich, die Frage bleibt.
An der Universität St. Gallen (HSG) spreche ich zum Thema Wie verändert sich das Portfolio erfolgskritischer Führungskompetenzen in einem von KI zunehmend geprägten beruflichen Umfeld?. Das Referat gibt es auch für Kaderanlässe, Verwaltungsräte und Verbände.
Quelle:
Die Verantwortung bleibt bei den Menschen, die entscheiden. KI bereitet vor, sie urteilt nicht und haftet nicht. Damit das im Alltag gilt, muss geklärt sein, wer eine KI-Vorlage prüft, wer entscheidet und wer den Entscheid danach trägt.
Das ausgelagerte Urteil. KI liefert plausible Antworten schneller, als Organisationen prüfen. Wer der Maschine viel zutraut, denkt weniger kritisch nach, und die Einstiegsaufgaben, an denen Urteilskraft gewachsen ist, verschwinden.
Nein. KI macht sichtbar, ob eine Organisation entscheidungsfähig war. Unklare Zuständigkeiten und nicht getragene Entscheide werden mit KI schneller und deutlicher sichtbar.
Der Verwaltungsrat bleibt für den Weg zum Entscheid verantwortlich. Die Business Judgment Rule schützt den sorgfältig zustande gekommenen Entscheid. Eine KI-Empfehlung ersetzt diese Sorgfalt nicht, sie verlangt nachvollziehbar, auf welcher Grundlage entschieden wurde.
Für Geschäftsleitungen und Verwaltungsräte von KMU und Familienunternehmen in der Deutschschweiz, die KI bereits nutzen oder einführen und klären wollen, wo die Maschine vorbereitet und wo Menschen urteilen.
Schatten-KI ist die Nutzung von KI-Werkzeugen ohne Freigabe. Sie entsteht, wenn Mitarbeitende schneller sind als die Regeln. Ein Führungsthema ist sie, weil mit dem Werkzeug auch Entscheidungen in den Schatten wandern.
Automation Bias ist die Neigung, Empfehlungen eines automatisierten Systems ungeprüft zu übernehmen. Mit KI betrifft das Führungskräfte direkt: Je plausibler eine KI-Vorlage klingt, desto seltener wird sie hinterfragt.
Verantwortungsvolle KI beginnt bei der Frage, wer eine KI-gestützte Entscheidung prüft, trifft und trägt. Regeln für Daten und Werkzeuge gehören dazu. Das Urteil ersetzen sie nicht.
Ja, aber nicht wie ein Verfahren. Urteilskraft wächst durch Übung an echten Fällen, durch Fehler und durch die Reibung mit der Wirklichkeit. Deshalb ist sie in Organisationen eine Frage der Führung, auch und gerade wenn KI die Vorlagen liefert.
Für Geschäftsleitungen und Verwaltungsräte von KMU und Familienunternehmen in der Deutschschweiz, die KI nutzen oder einführen. Am Schluss ist klar, wo die Maschine vorbereitet, wo Menschen urteilen und wer verantwortet.
Begleitung im Bereich KI & Führung erfolgt als Workshoptag mit Tagespauschale oder als Mandat aus drei bis sechs Arbeitssitzungen, optional ergänzt durch laufende Sparring-Begleitung. Konditionen je nach Setting.
Passt? Dann klären wir, wo in Ihrer Organisation die Maschine vorbereitet und wo Menschen urteilen.
Daran arbeite ich. Seit 25 Jahren.
Passt? Dann klären wir, wie Ihre Organisation unter Unsicherheit entscheidungsfähig bleibt.
Das folgende Interview entstand 2021.
Vor der KI-Dynamik, die heute alles beschleunigt.
Das Thema war Digitalisierung und Organisationsentwicklung der Zukunft.
Was nicht weiter überraschte: Nicht die Technologie war das Problem. Sondern das, was fehlt, damit sie trägt. Raoul Julen, CEO der Ipeak Infosystems GmbH, hat das in einem Satz auf den Punkt gebracht.