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Microsoft hat im Work Trend Index 2025, basierend auf einer Analyse von Microsoft-365-Daten und einer Befragung von 31'000 Beschäftigten in 31 Ländern, eine Zahl publiziert, die jedem ehrlichen Manager bekannt vorkommt. Wer im modernen Wissensjob arbeitet, wird im Schnitt 275-mal am Tag unterbrochen. Das ist eine Unterbrechung alle zwei Minuten. 80 Prozent der globalen Belegschaft, Beschäftigte und Führungskräfte, geben an, ihnen fehlten Zeit oder Energie, um ihre Arbeit wirklich gut zu machen. Microsoft nennt das die «Capacity Gap».
Der Soziologe Hartmut Rosa, Professor an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt, hat den Begriff geprägt, der diese Erfahrung präzise beschreibt. Er nennt ihn den «rasenden Stillstand». In seinem 2005 erschienenen Hauptwerk «Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne» argumentiert er: Moderne Gesellschaften beschleunigen sich, ohne voranzukommen, weil die Steigerungslogik selbst zum Selbstzweck wird. Für seine Arbeiten erhielt er 2023 den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis, die höchste deutsche Forschungsauszeichnung.
Rosa hat dem Beschleunigungsbegriff den Begriff der «Resonanz» entgegengesetzt. Resonanz ist nicht Langsamkeit, sondern eine Form von Weltbeziehung, in der Erfahrung möglich wird. Wo nichts mehr nachhallt, wird auch nichts mehr verstanden. Wo ständig reagiert wird, wird nicht mehr entschieden.
Stille in der Führung ist nicht Schweigen. Sie ist nicht das Fehlen von Geräusch. Sie ist ein Raum, in dem ein Gedanke zu Ende gedacht werden kann, in dem eine Frage stehen bleiben darf, in dem eine Entscheidung reifen kann. Stille ist der Resonanzraum für Urteilskraft.
Stille ist auch der Ort, an dem Erfahrung wirksam wird. Wer sofort reagiert, greift auf Muster zurück. Wer einen Moment innehält, fragt das Muster ab und prüft, ob es noch passt. Das ist der Unterschied zwischen Reaktion und Entscheidung.
Microsoft hat im Work Trend Index 2026, publiziert am 13. Mai 2026, ein neues Konzept eingeführt. Das «Transformation Paradox». Die Beschäftigten sind bereit für die Veränderung durch KI. Die Organisationen sind es nicht. Der Grund liegt nicht in der Technologie. Er liegt in den Strukturen und Gewohnheiten der Aufmerksamkeit.
Die UC-Irvine-Forscherin Gloria Mark hat in ihren langjährigen Studien zur Aufmerksamkeit am Arbeitsplatz gezeigt: Nach jeder Unterbrechung dauert es im Durchschnitt 23 Minuten und 15 Sekunden, bis eine Person wieder vollständig in die ursprüngliche Aufgabe eingetaucht ist. Bei 275 Unterbrechungen am Tag bleibt für tiefe Arbeit rechnerisch fast nichts übrig.
Cal Newport, Informatikprofessor an der Georgetown University, hat dafür den Begriff «Deep Work» geprägt. Selbst Hochleistende erreichen maximal vier Stunden konzentrierter Arbeit pro Tag. Die meisten Wissensarbeiter:innen kommen nicht einmal an eine Stunde heran.
In meiner Praxis sehe ich die Folgen seit 25 Jahren. Führungskräfte, die jede zweite Minute reagieren müssen, treffen keine Entscheidungen mehr. Sie verwalten Reaktionen. Sie absorbieren Komplexität, statt sie zu klären. Sie sind verfügbar, aber nicht präsent.
Das hat einen messbaren Preis. Sitzungen, die nichts entscheiden. E-Mails, die nichts klären. Beschlüsse, die in der nächsten Unterbrechung wieder relativiert werden. Eine Organisation, die nicht zur Ruhe kommt, kann auch nicht entscheiden.
Stille als Termin behandeln. Wer keine ungestörten Zeitblöcke pro Woche eintragen kann, hat keine Stille. Tiefe Arbeit braucht reservierte Zeit, nicht übrige Zeit.
Unterbrechungen reduzieren, nicht managen. Die meisten Tools versprechen besseres Unterbrechungs-Management. Was wirklich hilft, ist weniger Unterbrechungen. Die Frage ist nicht, wie man 275 Pings am Tag organisiert, sondern wie man auf 50 kommt.
Stille als Führungssignal etablieren. Wenn die Führung nicht hörbar pausiert, tut es auch das Team nicht. Mittagspausen ohne Bildschirm. Sitzungen, die mit einer Minute Stille beginnen. Tage ohne interne Mails. Das wirkt mehr als jedes Achtsamkeits-Seminar.
Auf bernhardschweizer.ch beschreibe ich Substanz als das, was bleibt, wenn der Lärm verklingt. Stille ist die Voraussetzung dafür, dass Substanz hörbar wird. Wer nie still ist, hat keinen Resonanzraum für die eigene Erfahrung, die eigene Urteilskraft, die eigene Verantwortung.
Beschleunigung wird in den nächsten Jahren nicht abnehmen. KI wird mehr Eingangskanäle öffnen, mehr Datenflüsse produzieren, mehr Reaktionsmöglichkeiten anbieten. Genau deshalb wird Stille wertvoller, nicht weniger wichtig.
Daran arbeite ich. Seit 25 Jahren.
Laut Microsoft Work Trend Index 2025 etwa 275 Mal pro Tag, das entspricht einer Unterbrechung alle zwei Minuten. Die Studie basiert auf einer Analyse von Microsoft-365-Daten und einer Befragung von 31'000 Beschäftigten weltweit.
Deep Work ist ein Begriff des Georgetown-Informatikprofessors Cal Newport für konzentrierte, ungestörte Arbeit an kognitiv anspruchsvollen Aufgaben. Selbst Hochleistende erreichen maximal vier Stunden Deep Work pro Tag.
Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt damit das Phänomen, dass moderne Gesellschaften sich beschleunigen, ohne voranzukommen, weil die Steigerungslogik selbst zum Selbstzweck wird. Bewegung ersetzt Richtung.
Laut der UC-Irvine-Forscherin Gloria Mark im Durchschnitt 23 Minuten und 15 Sekunden, bis eine Person vollständig in die ursprüngliche Aufgabe zurückkehrt.
Weil Stille der Resonanzraum ist, in dem Erfahrung wirksam wird und eine Entscheidung reifen kann. Wer ständig reagiert, greift auf Muster zurück. Wer einen Moment innehält, prüft das Muster.
Quellen
Microsoft (2025): «2025 Work Trend Index Annual Report. Bridging the Capacity Gap.» Publiziert im April 2025. Basierend auf Microsoft-365-Daten und einer Befragung von 31'000 Beschäftigten in 31 Ländern. URL: https://news.microsoft.com/annual-work-trend-index-2025/
Weiterführendes auf bernhardschweizer.ch
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