Ich arbeite mit Menschen, die entscheiden müssen, bevor alles klar ist. Was sich verschoben hat, spüren sie selbst: Antworten sind heute überall, leichter wird die Entscheidung dadurch nicht. Genau für sie ist diese Seite, für Eignerinnen und Eigner, Verwaltungsräte und Führungskräfte in Familienunternehmen und KMU in der Schweiz. Sie stützt sich auf über 25 Jahre Begleitung von mehr als 150 Organisationen.
Wissen schafft Orientierung. Doch nicht jedes Wissen ist gleich. Explizites Wissen lässt sich aussprechen, aufschreiben und weitergeben: Fakten, Regeln, Anleitungen, Berichte. Implizites Wissen zeigt sich im Können, ohne dass man sagen kann wie: im Gespür, im geübten Griff, im Urteil dort, wo es keine eindeutige Regel gibt.
Die KI ist auf explizitem Wissen trainiert, und genau dieses kopiert sie und macht es fast gratis. Das implizite Wissen erreicht sie nicht, denn es lässt sich nicht in Worte und damit nicht in Daten fassen. Darum verschiebt sich der Wert: Knapp wird nicht das Wissen an sich, sondern das, was nie explizit war.
Die neue Knappheit: Die Maschine kopiert das explizite Wissen. Das Implizite bleibt, und mit ihm der Mensch, der damit zu entscheiden wagt.
Die Unterscheidung von Wissen und Nichtwissen vertiefe ich auf der Seite Wissen und Unwissen Die neue Knappheit ist ihre Zuspitzung aufs KI-Zeitalter.
Wenn das explizite Wissen verfügbar wird, bleibt die Frage, was eine Entscheidung dann noch trägt. Ich nenne es das Tragwerk. Es ruht auf zwei Achsen, die jede Organisation kennt, innen und aussen, einzeln und gemeinsam, und besteht aus vier Fähigkeiten, die sich nicht kopieren lassen.
Das Tragwerk ist das, was eine Entscheidung trägt, wenn Wissen kopierbar wird: Erfahrung, Urteilskraft, Verlässlichkeit und Verantwortung.
Drei dieser vier sind kein Wissen, sondern Haltung. Erfahrung ist das implizite Wissen, das die Maschine nicht erreicht. So liegt das Tragwerk dort, wo Technologie nicht hinkommt, im Impliziten und im Menschlichen. Es ist der Kern von Entwicklung, die trägt.
Die neue Knappheit → Das Tragwerk → Die Übergabe des Unkopierbaren
Eine Nachfolge heisst nicht, Wissen weiterzugeben, sondern das Tragwerk zu übergeben.
Eine Nachfolge sah lange aus wie eine Übergabe von Wissen: Akten, Prozesse, Kontakte. Sobald die Maschine das Wissen liefert, zeigt sich, was darunter lag. Das Eigentliche steht in keinem Ordner, und weder Datenraum noch Due Diligence übertragen es. Es geht von Mensch zu Mensch, oder es geht verloren.
Dazu kommt ein stilles Risiko. Erfahrung und Urteilskraft wuchsen früher in den frühen, mühsamen Aufgaben, im Wiederholen und im eigenen Fehler. Vieles davon übernimmt heute die KI. Wer in zehn Jahren übernimmt, hat das Wissen auf Knopfdruck und die Erfahrung womöglich nie gemacht.
Das trifft die Schweiz im Kern. Rund 88 Prozent der Unternehmen sind familienkontrolliert. Bis Ende 2030 streben rund 112'000 Familienunternehmen einen Generationenwechsel an, das ist fast jedes dritte KMU (UBS und CFB-HSG, Nachfolge-Studie 2026). Fast die Hälfte hat bisher keine konkreten Schritte unternommen, um die nächste Generation einzubinden (Lombard Odier, 2025).
Das ist mehr als eine Frage einzelner Werkzeuge. Es ist eine gesellschaftliche Verschiebung. Eine Generation lang haben wir optimiert, was sich messen und aufschreiben lässt: Wissen, Prozesse, Effizienz. Die menschliche Ressource trat dabei in den Hintergrund, Erfahrung, Urteilskraft, Verlässlichkeit und Verantwortung. Sie war nie knapp, also haben wir sie selten bewusst gepflegt.
Jetzt, wo das explizite Wissen verfügbar ist, kehrt sich das um. Das Vergessene wird zum Unterschied. Und anders als Wissen ist es nicht gegeben, sondern gestaltbar: Erfahrung lässt sich ermöglichen, Urteilskraft schulen, Verlässlichkeit aufbauen, Verantwortung klären. Wo Organisationen früher in Wissen investierten, liegt der Hebel heute im Menschlichen. Das ist die Optimierung, die noch offen ist.
Wer das übersieht, riskiert das Gegenteil. Neuere Forschung zeigt, was auf dem Spiel steht. Eine Untersuchung von Microsoft Research und der Carnegie Mellon University unter 319 Wissensarbeitenden fand: Wer der KI stark vertraut, denkt weniger kritisch mit; wer dem eigenen Urteil vertraut, prüft gründlicher (Lee et al., 2025). Eine zweite Studie mit mehr als 600 Personen verbindet häufige KI-Nutzung mit schwächerem kritischem Denken, am stärksten bei den Jüngsten (Gerlich, 2025). Und eine EEG-Studie des MIT Media Lab zeigt, dass Schreiben mit einem Sprachmodell die neuronale Aktivität und das Gefühl von Eigentum an der eigenen Arbeit schwächt, die Autoren nennen es kognitive Schuld (MIT Media Lab, 2025, erste Befunde).
Das ist kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Risiko: eine Generation, die das Wissen auf Knopfdruck hat und das Urteil nicht mehr übt. Hier schliesst sich der Kreis zur Nachfolge und zu den verlorenen Lehrjahren.
Daraus folgt kein Verzicht auf die Maschine, sondern eine bewusste Entscheidung, in das zu investieren, was sie nicht kann. Sie bereitet vor, der Mensch entscheidet und steht dafür ein.
Die Verantwortung für einen KI-gestützten Entscheid ist nicht delegierbar. Sie bleibt persönlich, bei einem Menschen mit Namen.
Das ist kein Plädoyer gegen die Maschine. Sie darf und soll vorbereiten, Optionen sammeln, Entwürfe liefern. Entscheiden und dafür einstehen bleibt beim Menschen, an drei Stellen:
Die Maschine liefert den Entwurf. Der Mensch gibt ihm Mass, prüft den Widerspruch und setzt den Namen darunter.
Was heisst das für Verwaltungsräte?
Quellen
Ich bin Organisationsentwickler und Sparringpartner für Entscheidungen. In über fünfundzwanzig Jahren habe ich mehr als hundertfünfzig Unternehmen begleitet, mit Schwerpunkt auf Familienunternehmen, Nachfolge und Verwaltungsrat.
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