03. Juni 2026

Nachfolge als gezielte Erfahrungsübertragung. Warum Erfahrung schwerer wiegt als ein Diplom.

Nachfolge als gezielte Erfahrungsübertragung. Warum Erfahrung schwerer wiegt als ein Diplom. Die UBS/HSG-Nachfolgestudie 2026 zeigt: 94 Prozent der Firmeninhaber verlangen Berufserfahrung von ihren Nachfolgern, noch vor dem Bildungsabschluss. Warum Schweizer Nachfolgen nicht an Eigentum scheitern, sondern an Erfahrung.

Warum Schweizer Unternehmensnachfolge nicht an Eigentum scheitert, sondern an Erfahrung.

Die UBS und das Center for Family Business der Universität St. Gallen haben Anfang 2026 eine fünfteilige Nachfolgestudie publiziert. Die dritte Ausgabe vom März 2026 stellt erstmals die Nachfolgekandidatinnen und -kandidaten selbst ins Zentrum und liefert einen Befund, der die ganze Diskussion zuspitzt. Auf die Frage, was Firmeninhaber von ihren Nachfolgern vor dem Stellenantritt verlangen, steht an erster Stelle nicht der Bildungsabschluss. Es ist Erfahrung. 94 Prozent nennen externe Berufserfahrung, 87 Prozent Erfahrung im Familienunternehmen. Ein hoher Bildungsabschluss folgt mit 75 Prozent erst danach.

Was die Zahlen wirklich sagen.

Die erste Ausgabe der Studie von Pascal Zumbühl (UBS Switzerland AG) und Dr. Marie Klein (Center for Family Business HSG) liefert die Makro-Dimension. 32 Prozent der Schweizer KMU planen in den nächsten fünf Jahren eine Eigentumsübergabe. Hochgerechnet stehen bis Ende 2030 etwa 168'000 Schweizer KMU vor einer Nachfolge. Bei einer geschätzten Übertragungsquote von 65 Prozent gelingen davon rund 109'000. Etwa 59'000 nicht. Das sind ungefähr 12'000 gescheiterte Nachfolgen pro Jahr.

Rund zwei Drittel aller Schweizer KMU bezeichnen sich als Familienunternehmen, das sind etwa 350'000 Betriebe. Von ihnen dürften laut der dritten Ausgabe bis Ende 2030 etwa 112'000 einen Generationenwechsel anstreben, von denen sich bei gleicher Übertragungsquote rund 73'000 effektiv vollziehen lassen.

Das Durchschnittsalter der Schweizer Firmeninhaber liegt laut Umfrage bei 58 Jahren. 78 Prozent von ihnen haben ihr Unternehmen selbst gegründet und stehen damit zum ersten Mal vor einer Nachfolge. 76 Prozent sehen den Unternehmenserfolg stark an ihre eigene Person oder die der Geschäftsführerin gebunden. Das ist der am häufigsten genannte Risikofaktor der ganzen Studie.

Warum Erfahrung schwerer wiegt als ein Diplom.

Der Befund aus der dritten Ausgabe ist für die Nachfolgepraxis bemerkenswert. Externe Berufserfahrung wird als wichtigster Baustein für unternehmerische Reife und frische Impulse gesehen. Erfahrung im Familienunternehmen stärkt die Identifikation und das Verständnis für interne Abläufe. Beides zusammen rangiert vor dem formalen Abschluss.

Das deckt sich mit einem Befund, den Teresa Tung und Philippe Roussiere von Accenture in der California Management Review vom 16. März 2026 unter dem Titel «Tacit Knowledge Is Your Next Competitive Moat» formuliert haben. Sie schreiben dort wörtlich: «Baby Boomers are retiring in large numbers and taking their tacit knowledge with them.» In der Schweizer Nachfolgelandschaft heisst diese Ressource: 25, 30, 40 Jahre Unternehmer:innenerfahrung. Sie ist nicht im Diplom enthalten. Sie ist nicht in der Bilanz verzeichnet. Sie steckt in den Köpfen der Menschen, die gehen.

Warum familieninterne Nachfolge ein Entwicklungsprozess ist, kein Vertrag.

Die Studie formuliert einen Unterschied, der für die Praxis entscheidend ist. Die familieninterne Übergabe entspricht typischerweise einem mehrjährigen Entwicklungsprozess, in dessen Verlauf die Nachfolgerin oder der Nachfolger schrittweise in die neue Rolle hineinwächst. Das steht im Gegensatz zur meist deutlich schnelleren, transaktionsorientierten Übergabe beim Verkauf an Aussenstehende.

Genau hier liegt der Kern. Eine Transaktion überträgt Eigentum. Eine gelungene Nachfolge überträgt Erfahrung. Wer eine Nachfolge wie einen Verkauf abwickelt, übergibt zwar die Firma, aber die 30 Jahre Erfahrung, die sie wertvoll gemacht haben, bleiben im Kopf der Person zurück, die geht.

Woran familieninterne Nachfolgen scheitern.

Die Studie identifiziert aus Sicht der befragten Nachfolgekandidaten drei Hauptgründe für das Scheitern.

Die drei Scheiterungsgründe.

  • «Nicht können». Mangelnde Fähigkeiten oder Ressourcen, von 33 Prozent als Hauptrisiko genannt. Besonders ausgeprägt bei weiblichen Nachfolgekandidatinnen, oft durch eine vorsichtigere Selbsteinschätzung, nicht durch objektiv geringere Eignung.
  • «Nicht wollen». Fehlende Nachfolgebereitschaft, von 25 Prozent genannt. Vor allem die jüngere Generation Z nennt den Wunsch nach einer eigenen Karriere ausserhalb des Familienunternehmens als Grund.
  • «Nicht dürfen». Restriktive familiäre oder strukturelle Rahmenbedingungen, von 23 Prozent genannt. Hier verbirgt sich ein Punkt, der direkt an die Entscheidungsfindung anschliesst.Der Konsenszwang als Nachfolgerisiko.

Die Studie zeigt, dass 63 Prozent der Familienunternehmen eine Einigkeitserwartung kennen, also den Anspruch, Nachfolgeentscheidungen im Konsens aller Familienmitglieder zu treffen. Die Studie hält dazu fest, dass ein zu hoher Anspruch an Einigkeit die Entscheidungsfindung und Agilität lähmen und im Extremfall die Nachfolge verhindern kann.

Das ist exakt das Muster, das ich in einem früheren Beitrag auf der Ebene des Teams beschrieben habe. Wenn alle zustimmen müssen, entscheidet am Ende niemand. In der Nachfolge wird diese Dynamik existenziell. Der Konsenszwang, der die Familie zusammenhalten soll, blockiert die Übergabe, die er ermöglichen müsste.

Was eine gelingende Erfahrungsübertragung ausmacht.

In meiner Praxis sehe ich seit 25 Jahren, was funktioniert und was nicht. Die Studie bestätigt drei Hebel, die ich für entscheidend halte.

Drei Hebel für gezielte Erfahrungsübertragung.

  • Früh beginnen und Zeit einplanen. Eine familieninterne Nachfolge ist ein Entwicklungsprozess über mehrere Jahre, kein Termin. Die übernehmende Person muss an realen Entscheidungen mitarbeiten, nicht an Schulungsunterlagen.
  • Erfahrung gezielt aufbauen. Die Studie empfiehlt, Nachfolger aktiv durch externe Berufserfahrung, Weiterbildung und Netzwerkaufbau zu fördern. Besonders weibliche Nachfolgekandidatinnen äussern Unsicherheiten über ihre Fähigkeiten, obwohl objektive Kriterien meist keine Unterschiede zeigen. Hier ist gezielte Förderung wirksamer als jede formale Qualifikation.
  • Starre Regeln flexibel halten. Konsenspflicht und Gleichbehandlung wirken fair, können aber die Nachfolge blockieren. Die Studie rät, solche Vorgaben an die tatsächliche Eignung der Kandidaten anzupassen statt an Tradition oder Geburtenreihenfolge.

Substanz und Nachfolge.

Auf bernhardschweizer.ch beschreibe ich Erfahrung als Substanz, weil sie das ist, was ein Unternehmen trägt, wenn die formalen Strukturen einmal nicht greifen. In der Nachfolge wird diese Substanz zur Hauptaufgabe. Wenn 76 Prozent der Schweizer Firmeninhaber den Erfolg an ihre eigene Person binden und gleichzeitig Erfahrung als wichtigste Anforderung an die nächste Generation nennen, dann sagen sie damit dasselbe aus zwei Richtungen. Das Wertvollste am Unternehmen ist die Erfahrung, die es trägt. Wer sie nicht rechtzeitig und bewusst überträgt, verkauft am Ende eine Hülle.

Daran arbeite ich. Seit 25 Jahren.

Häufige Fragen zur Schweizer Unternehmensnachfolge 2026.

Wie viele Schweizer KMU stehen vor einer Nachfolge?

Laut der UBS/HSG-Nachfolgestudie 2026 planen 32 Prozent der Schweizer KMU in den nächsten fünf Jahren eine Eigentumsübergabe. Hochgerechnet stehen bis Ende 2030 etwa 168'000 KMU vor einer Nachfolge, davon rund 112'000 Familienunternehmen.

Was verlangen Firmeninhaber von ihren Nachfolgern am meisten?

Erfahrung. Laut der dritten Ausgabe der UBS/HSG-Studie 2026 nennen 94 Prozent externe Berufserfahrung und 87 Prozent Erfahrung im Familienunternehmen als wichtigste Anforderung, noch vor einem hohen Bildungsabschluss mit 75 Prozent.

Warum scheitern familieninterne Nachfolgen?

Die UBS/HSG-Studie 2026 identifiziert drei Hauptgründe: mangelnde Fähigkeiten oder Ressourcen («Nicht können», 33 Prozent), fehlende Nachfolgebereitschaft («Nicht wollen», 25 Prozent) und restriktive familiäre oder strukturelle Rahmenbedingungen («Nicht dürfen», 23 Prozent).

Warum ist der Konsenszwang ein Risiko für die Nachfolge?

63 Prozent der Familienunternehmen erwarten Einigkeit aller Familienmitglieder bei Nachfolgeentscheidungen. Laut Studie kann ein zu hoher Anspruch an Konsens die Entscheidungsfindung lähmen und im Extremfall die Nachfolge verhindern.

Wie lange dauert eine familieninterne Nachfolge?

Sie ist typischerweise ein mehrjähriger Entwicklungsprozess, in dessen Verlauf die Nachfolgerin oder der Nachfolger schrittweise in die Rolle hineinwächst. Das unterscheidet sie von der schnelleren, transaktionsorientierten Übergabe beim Verkauf an Aussenstehende.

Quellen

  • Zumbühl, P. & Klein, M. (2026): «Unternehmensnachfolge in der Schweiz: Worum geht es? Nachfolgestudie 2026, Teil 1.» UBS Switzerland AG, Chief Investment Office GWM, und Center for Family Business der Universität St. Gallen (CFB-HSG). Redaktionsschluss 8. Januar 2026. Umfrage unter 401 Schweizer KMU-Inhaber:innen, September 2025.
  • Zumbühl, P. & Klein, M. (2026): «Stolpersteine bei der familieninternen Unternehmensübergabe. Nachfolgestudie 2026, Teil 3.» UBS Switzerland AG und CFB-HSG. Redaktionsschluss 5. März 2026. Umfrage unter 52 Nachfolgekandidat:innen von Familienunternehmen, September 2025. Geschäftsführender Direktor CFB-HSG: Prof. Dr. Thomas Zellweger.
  • Tung, T. & Roussiere, P. (2026): «Tacit Knowledge Is Your Next Competitive Moat.» California Management Review, Insight, 16. März 2026. Beide Autoren bei Accenture. URL: https://cmr.berkeley.edu/2026/03/tacit-knowledge-is-your-next-competitive-moat/

Redaktionell geprüft und freigegeben durch Bernhard Schweizer. Für Recherche und Entwurf kamen KI-Werkzeuge zum Einsatz.

Weiterführendes auf bernhardschweizer.ch

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