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Eine neue Schweizer Analyse beziffert, wie tief die künstliche Intelligenz in die Arbeitswelt reicht. 28 Prozent der untersuchten Stellenprofile sind stark betroffen, über 850'000 Arbeitsplätze. Doch die entscheidende Einsicht ist nicht die Zahl, sondern was sie auslässt. Die Maschine übernimmt, was sich in Worte und Daten fassen lässt. Was sie nicht erreicht, ist das Können, das nie aufgeschrieben wurde. Genau dieses Unkopierbare wird damit zur eigentlichen Ressource, und es ist die, die wir am längsten übersehen haben.
Die Untersuchung stammt von der Denkfabrik einstAIn, getragen von Angestellte Schweiz und Kuble, veröffentlicht am 16. Juni 2026. Von rund drei Millionen betrachteten Stellen weisen 28 Prozent eine hohe KI-Exposition auf. Bemerkenswert ist, wo: nicht in der Werkhalle, sondern im Büro. In Administration und Verwaltung ist fast jeder untersuchte Beruf stark exponiert, in Finanzen und Recht sind es 72 Prozent. Handwerk und Pflege bleiben weitgehend unberührt.
Diese Analyse adaptiert die vielzitierte Grundlagenstudie von Tyna Eloundou, Sam Manning, Pamela Mishkin und Daniel Rock, erschienen 2024 in der Fachzeitschrift Science. Deren Befund für die USA: Rund 80 Prozent der Beschäftigten könnten bei mindestens einem Zehntel ihrer Aufgaben von Sprachmodellen berührt werden. Beide Untersuchungen messen jedoch dasselbe, nämlich Exposition. Sie sagen, was die Maschine übernehmen kann. Sie sagen nichts darüber, was dadurch wertvoll bleibt.
Was bleibt, lässt sich in vier Fähigkeiten fassen, die zusammen tragen. Erfahrung, die in der Zusammenarbeit gewachsen ist und Muster aus erlebten Folgen erkennt, nicht aus Dienstjahren. Urteilskraft, die abwägt, wo es keine eindeutige Regel gibt. Verlässlichkeit, die nicht nur konstant liefert, sondern sich gebunden hat und einsteht, auch wenn es unbequem wird. Und Verantwortung, bei der ein Name für die Folge steht und die sich nicht an eine Maschine delegieren lässt.
Drei dieser vier sind kein Wissen, sondern Haltung. Sie waren immer da, aber selten im Mittelpunkt. Eine Generation lang haben wir optimiert, was sich messen und aufschreiben lässt: Wissen, Prozesse, Effizienz. Das Menschliche trat in den Hintergrund, weil es nie knapp war. Jetzt, wo das aufschreibbare Wissen verfügbar ist, kehrt sich das um. Das Übersehene wird zum Unterschied.
Es gibt einen Grund, dieses Thema ernst zu nehmen, der über die einzelne Firma hinausreicht. Erfahrung und Urteilskraft wuchsen früher in den mühsamen frühen Aufgaben, im Wiederholen, im eigenen Fehler. Vieles davon übernimmt heute die Maschine. Wer in zehn Jahren Verantwortung übernimmt, hat das Wissen auf Knopfdruck, die Erfahrung aber womöglich nie gemacht.
Erste Forschungsbefunde deuten in dieselbe Richtung. Eine Untersuchung von Microsoft Research und der Carnegie Mellon University unter 319 Wissensarbeitenden zeigt, dass stärkeres Vertrauen in die KI mit weniger kritischem Mitdenken einhergeht, während Vertrauen ins eigene Urteil zu gründlicherer Prüfung führt (Lee et al., 2025). Eine EEG-Studie des MIT Media Lab fand, dass Schreiben mit einem Sprachmodell die neuronale Vernetzung und das Gefühl schwächt, die eigene Arbeit selbst hervorgebracht zu haben (Kosmyna et al., 2025, erste Befunde, kleine Stichprobe). Die Autoren nennen es kognitive Schuld. Beide Studien sind Momentaufnahmen, keine Gewissheiten, aber sie markieren ein Risiko: eine Generation, die das Wissen mühelos abruft und das Urteil nicht mehr übt.
Hier liegt die eigentlich gute Nachricht. Anders als Wissen ist die vergessene Ressource nicht einfach da, aber sie lässt sich entwickeln. Erfahrung kann man ermöglichen, indem man jüngere Menschen durch die mühsamen Aufgaben gehen lässt, statt sie der Maschine zu überlassen. Urteilskraft kann man schulen. Verlässlichkeit kann man aufbauen. Verantwortung kann man klären. Wo Organisationen früher in Wissen investierten, liegt der Hebel heute im Menschlichen.
Genau diese Fähigkeit, eine Einsicht in Rollen, Verantwortlichkeiten und tragfähige Entscheidungen zu übersetzen, nenne ich Gestaltungsreife. Die KI verändert die Aufgaben. Ob daraus ein Verlust an Substanz wird oder ein Gewinn, hängt davon ab, ob eine Organisation das Menschliche bewusst gestaltet oder es stillschweigend abbaut.
Das ist kein Plädoyer gegen die Maschine. Sie soll vorbereiten, Optionen sammeln, Entwürfe liefern. Entscheiden und einstehen bleibt beim Menschen, und das zeigt sich an drei Stellen. Beim Mass, weil die Maschine das Vollständige liefert und der Mensch auswählt, was zu dieser Firma und diesem Moment passt. Beim Widerspruch, weil ein Ergebnis glatt klingen und im Bauch trotzdem haken kann, und dieses Haken eine Pflicht zum Nachfragen ist. Und beim Namen, weil am Ende ein Mensch für die Folge geradesteht, nicht ein Werkzeug.
Die vergessene Ressource ist keine Nostalgie. Sie ist die Optimierung, die noch offen ist.
Daran arbeite ich. Seit 25 Jahren.
Redaktionell geprüft und freigegeben durch Bernhard Schweizer. Für Recherche und Entwurf kamen KI-Werkzeuge zum Einsatz.
Es ist das Unkopierbare im Menschen: Erfahrung, Urteilskraft, Verlässlichkeit und Verantwortung. Künstliche Intelligenz kopiert das aufschreibbare Wissen, erreicht aber nicht das implizite Können. Weil dieses Menschliche nie knapp war, wurde es lange übersehen. Jetzt wird es zum entscheidenden Unterschied.
Laut der einstAIn-Analyse von Angestellte Schweiz und Kuble vom Juni 2026 weisen 28 Prozent der untersuchten Stellenprofile eine hohe KI-Exposition auf, über 850'000 Arbeitsplätze. Besonders betroffen sind Büroberufe in Administration, Verwaltung, Finanzen und Recht, kaum dagegen Handwerk und Pflege.
Weil sie auf explizitem Wissen trainiert ist, das sich aufschreiben lässt. Implizites Wissen zeigt sich im Können, im Gespür und im Urteil, ohne dass man es in Worte fassen kann. Da es sich nicht in Daten übersetzen lässt, bleibt es der Maschine verschlossen.
Erste Befunde deuten auf nachlassendes kritisches Denken hin. Eine Studie von Microsoft Research und Carnegie Mellon (Lee et al., 2025) verbindet hohes Vertrauen in KI mit weniger kritischem Mitdenken. Eine EEG-Studie des MIT Media Lab (Kosmyna et al., 2025, erste Befunde) beobachtete bei der Arbeit mit Sprachmodellen schwächere neuronale Vernetzung und ein geringeres Gefühl von Eigenleistung.
Ja. Anders als gegebenes Wissen ist sie gestaltbar. Erfahrung lässt sich ermöglichen, Urteilskraft schulen, Verlässlichkeit aufbauen, Verantwortung klären. Die Fähigkeit, das Menschliche bewusst zu entwickeln statt es stillschweigend abzubauen, ist der eigentliche Hebel im KI-Zeitalter.
Quellen
Weiterführendes auf bernhardschweizer.ch
Orientierung im KI-Zeitalter | Substanz: Wissen und Unwissen | Substanz: Erfahrung | Substanz: Gestaltungsreife | Angebot: KI & Führung | Angebot: Unternehmensnachfolge
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