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Wer das heute nicht nutzt, ist spätestens morgen von gestern. Der Satz klingt nach Dringlichkeit. Genau deshalb lohnt die Frage, worauf sich das „das" bezieht. Gemeint ist nicht ein Werkzeug, sondern eine Haltung: die Bereitschaft, im Wandel zuerst beim eigenen Verhalten anzusetzen. Wer diese Bereitschaft aufschiebt, verliert nicht an Wissen. Er verliert an Anschluss.
Transformation wird in den meisten Organisationen als Strukturfrage behandelt. Neue Prozesse, neue Rollen, neue Systeme. Das ist notwendig, aber es greift zu kurz. Denn die Strukturen verändern sich schneller als die Menschen, die sie führen. An dieser Stelle entscheidet sich, wer mitgeht und wer zurückbleibt.
Wandel scheitert selten an den Strukturen. Häufiger scheitert er an der Selbstwahrnehmung der Beteiligten. Eine neue Organisationsform lässt sich in Wochen beschliessen. Das Verhalten, das sie tragen soll, folgt diesem Beschluss nicht automatisch. Führungskräfte unterschätzen regelmässig, wie stark ihr eigenes Verhalten den Wandel ermöglicht oder blockiert. Sie sehen die Veränderung bei den anderen, selten bei sich.
Das gilt auch für die naheliegende Gegenmassnahme. Ein systematisches Review von 2024 zeigt, dass Investitionen in Führungskräfteprogramme die Kompetenz in Selbstmanagement, Selbstwahrnehmung und Beziehungsgestaltung nicht zuverlässig erhöhen. Was nachweislich wirkt, ist die Arbeit am eigenen Verhalten. Wer den Wandel an ein Programm delegiert, delegiert genau das, was sich nicht delegieren lässt.
Das ist kein Vorwurf. Es ist eine messbare Eigenschaft der menschlichen Selbsteinschätzung.
Nur 10 bis 15 Prozent der Menschen erfüllen die Kriterien echter Selbstwahrnehmung, obwohl die grosse Mehrheit sich für selbstreflektiert hält. Die Organisationspsychologin Tasha Eurich kam zu diesem Befund in einer Untersuchung mit nahezu 5000 Teilnehmenden über zehn Einzelstudien. Sie unterscheidet zwei Formen. Die innere Selbstwahrnehmung beschreibt, wie klar jemand die eigenen Werte, Reaktionen und Wirkungen erkennt. Die äussere beschreibt, wie genau jemand weiss, wie andere ihn sehen. Beide hängen nicht zwingend zusammen. Wer viel über sich nachdenkt, sieht sich deshalb nicht automatisch klarer.
Die Lücke zwischen Selbstbild und Fremdbild ist die Regel, nicht die Ausnahme. Für den Wandel ist das die eigentliche Ausgangslage.
Erfahrung verbessert die Selbstwahrnehmung nicht, sie kann sie verschlechtern. Eurichs Daten zeigen, dass die Selbsteinschätzung mit wachsender Erfahrung und Macht tendenziell ungenauer wird. Der Grund ist strukturell. Wer aufsteigt, erhält weniger ehrliche Rückmeldung. Je höher die Position, desto unbequemer wird offene Kritik für das Umfeld. So entsteht ein Bild von sich selbst, das immer seltener korrigiert wird.
Hier liegt der Mechanismus, der Menschen von gestern werden lässt. Der Grund ist selten fehlendes Können. Häufiger ist es eine Selbstwahrnehmung, die stehen geblieben ist, während sich alles andere bewegt hat. Wer lange erfolgreich war, ist davon nicht ausgenommen. Er ist besonders gefährdet.
Beim eigenen Verhalten anzusetzen bedeutet eine Praxis, keine einmalige Einsicht. Drei Ansatzpunkte haben sich als belastbar erwiesen. Erstens ein kleiner Kreis von Menschen, die ehrlich zurückmelden und denen es um die Sache geht. Zweitens die Verschiebung von der Warum-Frage zur Was-Frage. Wer fragt, was eine Situation schwierig macht, kommt weiter als jemand, der fragt, warum er sich schlecht fühlt. Drittens die Regelmässigkeit. Selbstwahrnehmung ist weniger ein Zustand als eine Gewohnheit.
Das ist unspektakulär. Es ist auch der Grund, warum es so oft unterbleibt. Es bindet Zeit und es verlangt, das eigene Bild zur Disposition zu stellen.
Die Halbwertszeit der eigenen Selbsteinschätzung sinkt, je schneller sich das Umfeld verändert. Was vor fünf Jahren ein zutreffendes Selbstbild war, kann heute überholt sein, ohne dass es jemand bemerkt. Deshalb ist der Aufschub die eigentliche Gefahr. Wer wartet, bis der Druck gross genug ist, beginnt die Arbeit an sich selbst genau dann, wenn am wenigsten Zeit dafür bleibt.
Affirmativ heisst das nicht, mehr zu tun. Es heisst, früher hinzuschauen. Der Satz vom Anfang gilt, doch er meint nicht das nächste Werkzeug. Er meint die Bereitschaft, sich selbst im Wandel nicht aus dem Blick zu verlieren. Wer das heute beginnt, bleibt anschlussfähig. Wer es verschiebt, merkt zu spät, dass die Welt weitergezogen ist.
Redaktionell geprüft und freigegeben durch Bernhard Schweizer. Für Recherche und Entwurf kamen KI-Werkzeuge zum Einsatz.
Warum beginnt Transformation beim eigenen Verhalten?
Weil Strukturen sich schneller beschliessen lassen als das Verhalten, das sie tragen soll. Ein systematisches Review von 2024 zeigt zudem, dass Führungskräfteprogramme die Kompetenz in Selbstmanagement und Selbstwahrnehmung nicht zuverlässig erhöhen. Der wirksame Hebel bleibt das eigene Verhalten, nicht die Massnahme.
Wie viele Menschen schätzen sich selbst realistisch ein?
Nach der Forschung von Tasha Eurich erfüllen nur 10 bis 15 Prozent die Kriterien echter Selbstwahrnehmung, während sich die grosse Mehrheit für selbstreflektiert hält.
Warum kann Erfahrung die Selbstwahrnehmung verschlechtern?
Mit Position und Erfahrung sinkt die Menge ehrlicher Rückmeldung. Kritik wird für das Umfeld unbequemer, das Selbstbild wird seltener korrigiert und entfernt sich von der Fremdwahrnehmung.
Was bedeutet Arbeit am eigenen Verhalten konkret?
Ein kleiner Kreis ehrlicher Rückmeldungen, der Wechsel von Warum- zu Was-Fragen und Regelmässigkeit. Es ist eine Gewohnheit, kein einmaliger Entschluss.
Warum sollte man heute damit beginnen und nicht später?
Weil die Halbwertszeit des eigenen Selbstbilds mit dem Tempo der Veränderung sinkt. Wer wartet, bis der Druck hoch ist, hat für die Arbeit an sich am wenigsten Zeit.
Quellen
Mehr unter: bernhardschweizer.ch
Erfahrung als Substanz | Gestaltungsreif | Organisationsentwicklung
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